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Dem hochadeligen, durch das Alter seines Geschlechts und durch den Glanz seiner Tugenden höchst ausgezeichneten, edelsten und höchst gelehrten Herrn, Herrn Bruno Karl von Uffeln, Erbherrn zu Burguffeln und würdigstem Generalkommissar des hessischen Heeres, seinem hochverehrten Mäzen und Förderer, entbietet der Verfasser seinen ergebensten Gruß.
Da viele Studien der nützlichsten Dinge, die einst blühten, entweder gänzlich erloschen oder doch zumindest vernachlässigt worden sind, ist dies zu beklagen, hochberühmter, edelster und höchst gelehrter Herr, hochzuverehrender Mäzen und Förderer – vor allem aber jenes Studium, in dem, wie alle erkennen, der größte Nutzen liegt, nämlich das wahre Studium der Chemie. Dieses wurde zur Zeit Diokletians in Ägypten so eifrig betrieben, dass der Kaiser, wie Suidas berichtet, alle entsprechenden Bücher zusammenbringen und dem Feuer übergeben ließ, damit man nicht erneut, auf deren Hilfe gestützt, gegen die Römer rebellieren könne.
Ja sogar die rechte Methode der Arzneibereitung, durch die wir nach dem Sinne des göttlichen Hippokrates Krankheiten schnell, sicher und angenehm vertreiben können, haben unsere Vorfahren zusammen mit den Ägyptern so sehr verloren, dass vor ihrer Wiederherstellung – der sich einzig Theophrastus Paracelsus widmete – kaum jemand auch nur etwas davon gehört hatte. Und wenn einige aus dem Gedächtnis unserer Vorfahren ihr Studium auf dieses Gebiet richten wollten, so wirst du doch kaum einen unter Tausend finden, der es für richtig hielt, seine Erfahrungen schriftlich der Nachwelt zu hinterlassen.
Für diesen Missstand scheinen mir zwei Ursachen vorzuliegen. Erstens ist es außer aller Frage, dass etwas umso mühevoller und schwieriger ist, je edler, nützlicher und vortrefflicher es ist; sonst würde nichts mehr hervorragen. Was nämlich gewöhnlich und leicht ist, besitzt keine Würde, ja aus Überfluss entsteht Geringschätzung. Was aber selten ist, ist eben darum groß, und die Schwierigkeit, die uns von seinem Besitz abhält, liegt in eben diesem Umstand begründet. Denn in die innersten Geheimnisse der Natur hinabzusteigen, vermag niemand ohne große Mühen und Nachtwachen leicht zu erreichen.
So ist es von Natur aus eingerichtet, dass wir alle leicht vom Mühsamen zum Angenehmen übergehen, und der Mensch vielmehr eine maßvolle Ruhe liebt, in ihr gedeiht und wächst; das Verborgene hingegen, das unermüdlichen Fleiß erfordert, durch den er erschöpft und geschwächt wird, weist er zurück. Zu dieser Art gehört die Chymiatrie, von der hier die Rede ist: Aufgrund ihrer Vortrefflichkeit und Seltenheit wurde sie seit den alten Philosophen, seit der Zeit Diokletians, entweder gänzlich unterdrückt oder so sehr in Fabeln, Allegorien, Rätsel und dunkle Ausdrucksweisen gehüllt, dass es eines Oedipus bedarf, um zu ihrem innersten Heiligtum vorzudringen.
Daraus ergab sich (um zur zweiten Ursache zu kommen), dass sie von den Nachgeborenen wegen ihrer Schwierigkeit und der vielfältigen Mühen, die in ihr verborgen liegen, zunächst vernachlässigt, dann verachtet und schließlich gehasst wurde. Denn die eigenen zarten Finger in Kohlen zu stecken, die notwendigen Vorbereitungen sorgfältig zu überwachen und der eigenen Ehrsucht zu entsagen, erschien den Früheren als Verpflichtung; die Späteren aber vermochten dies aus Unwissenheit nicht zu leisten und scheuten sich daher nicht, gegen diese edle Kunst zu wettern und sie gleichsam mit bissigem Zahn zu zerreißen.
Daher kommt es, dass sie von Jahrhundert zu Jahrhundert immer verborgener geworden und der Nachwelt beinahe unbekannt geblieben ist. Deshalb hat auch in unserer Zeit ein großer Teil der Ärzte sich nicht geschämt, sie als eine neue und den Alten unbekannte, ja dem Menschengeschlecht höchst schädliche Disziplin auszugeben. Hätte man aber die Sache mit der gerechten Waage von Vernunft und Wahrheit abgewogen, so hätte man gewiss erkannt, dass Männer wie Hermes Trismegistos, Hippokrates, Demokrit, Apollon, Äskulap, Machaon und viele andere alte Chymiater, ja auch in jüngerer Zeit Arnold von Villanova, Raimundus Lullus und Isaac Hollandus (die aufzuzählen die Kürze eines Briefes nicht erlaubt), sich dieser edlen Kunst gewidmet haben, wie aus ihren Schriften klarer als das helle Tageslicht hervorgeht.
Da nun dieses göttliche Studium in unserem Jahrhundert von vielen rechtschaffenen Männern gewissermaßen vor dem Verfall und Untergang bewahrt und – unter Hintansetzung von Mühen und Schweiß – wieder ans Licht gebracht worden ist, habe ich stets gemeint, es sei besonders vorzüglich und ehrenhaft, mich darum verdient zu machen, damit daraus größter Nutzen erwachse. Deshalb beschloss ich bereits im Jahr 1610, auch der genannten Schwierigkeit abzuhelfen, indem ich die gesamte Chemie methodisch darstellte, sie in Marburg einer öffentlichen Prüfung unterwarf und die Schrift eine chymiotechnische Dissertation nannte.
Diese fand so großen Anklang, dass Johannes Hartmann, Doktor der Medizin und damaliger öffentlicher Professor der Chymiatrie, später mein Kollege am Kasseler Hof, sie ohne Zögern denjenigen Disputationen beizählte, die von gelehrten Männern zur Erlangung höchster medizinischer Ehren öffentlich vorgelegt und im Druck veröffentlicht worden waren. Martin Ruland der Jüngere aber scheute sich nicht, meine Definitionen in sein chemisches Lexikon aufzunehmen und als die seinen auszugeben.
Daher beschloss ich, nach meiner Rückkehr von Reisen mein Werk gegen solche Eingriffe zu verteidigen, meine genannte Dissertation – nunmehr im einundzwanzigsten Jahr – zu überarbeiten, durch viele chymiatrische Experimente zu erweitern und sie zusammen mit einer Einführung bzw. einem Schlüssel zu den Schriften des Paracelsus sowie einer Abhandlung über den Stein der Weisen erneut herauszugeben. Zugleich entschied ich, auch mein pestilentialisches Antidotarium und das Urocriterium, die vor drei Jahren in Marburg gedruckt worden waren, zu veröffentlichen, damit möglichst viele durch deren Gebrauch dem Gemeinwesen umso besser dienen können.
Denn im Bestreben, sich verdient zu machen, ist es keine geringe Leistung, selbst etwas Lichtwürdiges zu schreiben und andere dazu anzuregen, es ebenso zu tun. Diese beiden Dinge sind von solchem Gewicht, dass jeder, der eines von beiden leistet, von allen Gelehrten Dank verdient. Und dies, so scheint mir, habe ich reichlich erreicht, da meine Arbeiten bei Ärzten und Studierenden solchen Anklang fanden, dass sämtliche Exemplare so vollständig verkauft wurden, dass kein einziges mehr erhältlich ist.
Daraufhin bin ich von vielen kundigen Männern der Medizin wiederholt ermahnt worden, meine Schriften zu überarbeiten und erweitert zum Nutzen der Allgemeinheit herauszugeben. Obwohl ich angesichts meiner vielen Verpflichtungen diese Arbeit zunächst eher ablehnen als übernehmen wollte, konnte ich doch schließlich – auch durch die wiederholten Bitten des Druckers bewegt – ihrem Wunsch nicht länger widerstehen.
So habe ich denn diese verbesserte und erweiterte Schrift, gleichsam eine „Sonne, die aus dem Brunnen emporsteigt“, zusammen mit dem pestilentialischen Antidotarium und dem Urocriterium erneut dem Druck übergeben und noch eine weitere, goldene, unserem Ziel nicht fernstehende Abhandlung hinzugefügt, damit die Liebhaber der Chemie sie nach ihrem Wunsch nutzen und genießen können.
Wie nun Gemälde der Maler an einem geeigneten Ort aufgestellt erfreuen, während sie bei ungünstigem Licht die Augen der Betrachter nicht fesseln, so ist es erstaunlich, wie sehr unsere Handlungen durch die Würde bedeutender Mäzene und kräftiger Verteidiger geadelt werden, sodass sie manchmal größer erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind. Da ich dies stets so beurteilt habe, habe ich nicht gezögert zu glauben, dass dieses Werk, das jetzt von mir ausgeht, Eurer Hoheit besonders angenehm sein wird.
Denn obgleich Eure Hoheit mit der größten Last schwerster Geschäfte betraut ist, die sie mit höchstem Ruhm und allgemeiner Bewunderung trägt, findet sie doch selbst in diesen Verpflichtungen Freude an der Beschäftigung mit den Wissenschaften und verschmäht es nicht, auch die Schriften anderer mit größtem Vergnügen zu lesen.
Daher erschien es mir nicht unangebracht, diese meine Werke – zuvor durch manche Fehler entstellt, jetzt aber verbessert und durch ausgezeichnete Arzneimittel vermehrt – unter dem Namen Eurer Hoheit herauszugeben, damit das, was über die chemische Kunst gelehrt wird, durch einen so großen Förderer geehrt werde.
Ich habe sie umso lieber Eurer Hoheit gewidmet, als diese mir seit vielen Jahren zahlreiche und höchst lobenswerte Wohltaten erwiesen hat und auch größere hätte erweisen können. Ich fürchtete nämlich, wenn ich nicht wenigstens bei gegebener Gelegenheit etwas erwiderte, könnte ich dem Vorwurf eines der beiden schwerwiegendsten Laster verfallen: entweder der Undankbarkeit – was meiner Natur völlig fremd ist – oder des Hochmuts, indem ich das, was ich hoffen durfte, vernachlässigte – was meiner Lage und meinem Willen gleichermaßen fernliegt.
Nehmt also dieses Werk, hochberühmter Herr, in der Gesinnung an, in der es dargebracht wird, und verteidigt es kraft Eurer Autorität gegen die böswilligen Feinde der Chymiatrie. Wenn Ihr dies tut, werde ich erreichen, dass unser Studium vielen Anerkennung findet, und ich werde meine Mühen für reich belohnt halten.
Möge Eure Hoheit mit ihrer hochadeligen Familie viele Jahre lang gesund, unversehrt und in Blüte bestehen.
Gegeben zu Kassel am 30. April 1634.
Eurer Hoheit ergebenster Diener
Johannes Rhenanus