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From Theatrum Paracelsicum

Den frommen, weisen und höchst umsichtigen Herren: dem Schout (Schultheiß), den Bürgermeistern und dem Rat der Stadt Delft, wünscht Peeter Volc Gesundheit und Wohlergehen.

Drei Dinge haben mich, hochumsichtige und weise Herren, dazu bewogen, dieses Buch aus dem Hochdeutschen in unsere niederländische Sprache zu übertragen. Erstens kommt in dieser Sprache so wenig ans Licht, das unsere Wissenschaft betrifft, obwohl sie doch alle anderen an Achtung übertrifft. Denn welcher Schatz auf Erden kann der Gesundheit gleichkommen oder sie gar übertreffen? Ich schweige von einem möglichen „Darüberhinaus“. Denn aus all den Büchern, die bislang in der Chirurgie mit großem Müheaufwand verfasst wurden, ist uns wenig oder gar kein Nutzen erwachsen. Und ich befürchte, hätten sie dies nicht vielmehr im Streben nach einem großen Namen getan als aus dem Willen, die Früchte ihrer Arbeit zu zeigen, so hätten sie wohl niemals etwas geschrieben.

Doch die Welt war von Anbeginn so beschaffen, dass sie stets dasjenige liebt, das den Anschein erweckt und das Gehör füllt. Zwar hat es gewiss viele begabte Männer gegeben, die uns in ihren Schriften etwas hinterlassen haben, doch ist dort so viel Spreu und Unkraut beigemengt, dass es kaum möglich war, das Gute davon zu trennen.

Dass ich dies niederschreibe, hat folgenden Grund: Seit meiner Kindheit bis zum heutigen Tag habe ich dieses Handwerk ausgeübt, und ich darf wohl behaupten, dass es kaum einen Autor in der Chirurgie gibt, den ich nicht gelesen oder geprüft hätte. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so fand ich bei ihnen allen mehr Gift als Heilmittel, besonders bei den Italienern und Franzosen, von denen wir noch einige Bücher besitzen, wie etwa Lanfrank, Guido, Giovanni da Vigo und andere, mit denen sich die Chirurgen bis heute herumplagen wie eine Katze mit ihren Jungen. Würde man ihren Rezepten und Ratschlägen folgen, würden sie wohl zehn eher ins Grab befördern, als vier heilen; dazu ist kaum ein Rezept unter ihnen, das nicht mindestens einen halben Karren voller Kräuter benötigt.

Dann gibt es noch weitere, nämlich Nicolaus Massa, Johannes Almenar, Nicolaus Leonicus, die viel über die Pocken geschrieben haben und durch ihre quecksilberhaltigen Ratschläge Hunderte von Menschen umgebracht haben, was jeden betrüben muss, der über ihren Mord nachdenkt. Darüber hinaus sind auch unsere Chirurgen so tölpelhaft oder unverständig (und wollen doch überall die Klügsten sein), dass sie solche mörderischen Rezepte anwenden, ohne zu begreifen, was darin zusammengemischt ist – oder eben nicht.

Und nach jenen bereits Genannten (obwohl nicht einmal die Hälfte erwähnt und sie es auch kaum wert sind, namentlich angeführt zu werden) hat Gott der Allmächtige in Deutschland einige erweckt, die über das Behandeln von Wunden in der Chirurgie schrieben, nämlich den gelehrten und weisen Doktor Hieronymus von Braunschweig, dessen Werk auch in unsere niederdeutsche Sprache übertragen wurde, unter dem Titel Das Handwerk, allerdings mit großen Übersetzungsmängeln. Danach erschien das Feldbuch, verfasst von einem, den man „Scheelhans“ nennt; es heißt so, weil es im Felde – bei Kriegen, Schlachten und Stürmen – erprobt worden ist. Dieses war wohl das beste chirurgische Buch, das man finden konnte.

Dann kam jener geschätzte und hoch erfahrene Mann, Doktor Paracelsus, aus der Schweiz gebürtig, und übertraf alle. Ja, mehr noch: Er hat durch seine Werke und Schriften bewiesen und beweist es bis heute fortwährend, dass seinesgleichen seit Anbeginn des Sonnenscheins nicht gesehen ward. Dass ich ihn preise, dazu drängt mich die Wahrheit, denn ich habe seine Schriften und Rezepte mehr als vierzehn oder fünfzehn Jahre lang verfolgt und angewandt und – bei Gott, der mein Zeuge ist – nie einen Fehler daran gefunden. Ich habe ihn ausführlich geprüft und erprobt, und niemals ist mir irgendein Zwischenfall oder Unglück widerfahren. Wäre es anders, ich würde ihn keineswegs loben noch rühmen. Denn Bücher, die mit Lügen und hohlem Geschwätz angefüllt sind, gibt es schon genug; man braucht nicht noch mehr davon.

Zweitens sehe ich bereits seit langer Zeit und auch heute noch das große Versagen und die Missstände in unserem Handwerk. Man erkennt so wenig, zu welchem Zweck uns der allmächtige Gott eingesetzt und bestimmt hat, nämlich dass Gott uns den Kranken als ein Werkzeug und Mittel der Barmherzigkeit beigefügt hat, damit wir den Verletzten und Gebrechlichen Schmerz und Qual nehmen. Wenn jedoch diese Barmherzigkeit, wie sie sein sollte und von Gott bestimmt ist, in uns nicht vorhanden ist, wie kann Gott uns dann gewähren, den Kranken zu helfen und sie zu heilen? Denn Gott hat es so vorgesehen und in uns hineingelegt, dass das Heilmittel und der Meister vom Kranken in dem Bewusstsein in Anspruch genommen werden, darin Gottes Barmherzigkeit und Liebe wirksam werden sollen. Man sollte nicht bloß auf den Geldbeutel des Kranken achten, sondern vielmehr darauf, wie wir die göttliche Liebe und Barmherzigkeit erfüllen können. Und gerade daran mangelt es heute sehr.

Die Zeit ist nun so: Sobald jemand in unserem Handwerk etwas lernt und einen Bart zu rasieren weiß – ja, kaum das Messer schärfen kann, mit dem er rasiert (von größerem Können schweige ich) – schickt man solche Lehrlinge nach Wallonien oder Frankreich, damit sie die Sprache lernen. Das ist zwar zu loben, doch um die Kenntnisse unseres Berufs zu erwerben, gibt es unter dem Himmel wohl kein ungeeigneteres Land. Denn das Beste, was man dort bei irgendwelchen Zwischenfällen erfährt, sind sofort ätzende Mittel, Schneiden und Brennen sowie ähnliche Qualen, mit denen man den Leuten Schmerz zufügt, wo es doch mit Sanftmut genügend andere Mittel und Ratschläge gäbe.

Wenn nun die Lehrlinge dort drei oder vier Jahre gewesen sind und fleißig gelernt haben, Pfeife zu spielen, zu flöten und zu tanzen, kommen sie wieder nach Hause, und jemand namens Jan bekommt eine Frau oder ein junges Mädchen zur Seite; am nächsten Morgen heißt es dann „Meister Jan“. Es liegt auf der Hand, wie ein solcher Meister in so kurzer Zeit entstanden ist. Doch ihr Leben müssen die Kranken dann in seine Hände legen – wahrhaftig, wie Schafe, die den Wölfen ausgeliefert werden.

Wenn nun einem solchen jungen, unerfahrenen „Meister“ bei einem seiner Verwundeten irgendein unvorhergesehener Zwischenfall zustößt, weiß der Jüngling keinen Rat und ruft sogleich noch drei oder vier Alte zu Hilfe, die ihrerseits manchmal ebenso unwissend sind wie er – sie haben bloß so weit gereist, wo man das Brot „pain“ nennt. Diese können dann auch nicht weiterhelfen, und so wird schließlich, wie sich’s gehört, „Herr Doktor“ gerufen, der Wunder wirken soll. Aber dieser kennt die Wunde nicht, und die Chirurgen das Problem nicht. Man kann sich vorstellen, welchen Trost das dem Verwundeten bringt.

Außerdem wollen sich diese Ärzte mitunter selbst als Chirurgen ausgeben. Das müssten sie zwar eigentlich sein, doch sie sind so selten zu finden wie der Vogel Phönix. Noch vor einem Jahr sah ich einen Doktor, der sich keineswegs für ein unbedeutendes „Eselchen“ in der Chirurgie halten wollte – und von manchen Meistern zu Hilfe gerufen wurde, als diese mit ihrem Latein am Ende waren und einem Verwundeten einen Rat geben sollten. Doch er riet zu einem Vorgehen, durch das sie zu dritt den vierten umgebracht hätten. Das ist aber äußerst schändlich, denn ein Mörder stellt sich wenigstens allein gegen einen Mann, Mann gegen Mann. Hier hingegen waren es drei gegen einen, und um die Wahrheit zu sagen, war es nicht einmal ein Mann (d. h. der Betroffene war womöglich wehrlos).

Ich habe auch anderweitig schon in großen Städten erlebt, dass Ärzte den Chirurgen Vorlesungen hielten und vorgaben, ihnen den rechten Weg zu zeigen, also wie man chirurgisch handeln solle. Doch das ist der größte Hohn von allen: dass jemand lehren will, was er selbst nicht kann. Ich übe dieses Handwerk nun seit fünfundzwanzig Jahren aus und habe noch nie einen Arzt gesehen, der ein guter Chirurg gewesen wäre.

Wenn die Werke also den Meister loben sollen, dann ist es angemessen, auf jemanden zu hören, der es wirklich kann – etwa diesen hochgeschätzten, hervorragenden Mann, dessen Schriften alle anderen überragen, wie man es in seinen Arbeiten sehen wird. Wer ihn recht versteht und seine Ratschläge anwendet, wird bald seine „weiße Salbe“ mitsamt dem „Eipflaster“ über Bord werfen – jenen Mitteln, die so vielen Menschen geschadet und sie zugrunde gerichtet haben. Und wenn die Chirurgen seine Ratschläge befolgen, werden sie zu weit angesehenen Persönlichkeiten, und es wird nicht mehr vorkommen, dass irgendeine alte Frau, eine Begine oder dergleichen dem Meister seine Tätigkeit aus der Hand nimmt, wie es jetzt an vielen Orten geschieht – was ihnen, die sich dieses Amtes so sehr rühmen, eigentlich zur Schande gereichen sollte.

Ich hoffe auch, meine umsichtigen, weisen Herren werden darauf achten. Denn kaum ein Schwein hat sich nicht schon in dieser Kunst gewälzt! Einem alten Weib ziemt ein Spinnrocken, einer Begine ihr Gebetshäuschen; so sollte ein Handwerker Freude und Hingabe zu seinem Werk haben.

Gott, der Allmächtige, möge es nach seinem göttlichen Willen fügen, dass meine Edlen Herren sich in einem solchen Punkt befreien wollen, damit sie nicht Ursache dieses Missbrauchs sind, an dem so manches Menschenleben hängt und bei dem so viele Menschen umgebracht werden, dass es gar nicht vollständig zu beschreiben ist.

Drittens und letztens ist der Grund, weshalb ich dieses Buch in dieser Sprache habe erscheinen lassen, dass es bereits einmal übersetzt und unter dem Titel Die Perle der Chirurgie herausgegeben wurde. Jenes Buch aber ist völlig verfälscht und verdorben, so sehr, dass kein einziges Kapitel darin mit sechs Zeilen übrigbleibt, das auch nur ansatzweise mit den Schriften von Doktor Paracelsus übereinstimmt. Ja, es gibt große Fehler in den Rezepturen, und dazu sind noch andere Rezepte eingefügt, die Paracelsus niemals beabsichtigt hatte aufzunehmen, was mich sehr wundert. Laut Titel soll es ein gelehrter Mann namens Philippus Hermanni gefertigt haben. Ich könnte mit Erlaubnis behaupten, dass es sich um einen gelehrten „Tölpel und Ochsen“ handelte. Denn von verständigen, gelehrten Männern hat man noch nie gehört, dass sie etwas übersetzen und es dabei so verderben, indem sie Gift statt Heilmittel einsetzen, wie ein geneigter Leser leicht erkennen kann. Daher kann man sagen, es sei ein Unheil in der Welt, dass, wo Gott den Menschen etwas Gutes gewährt, der Teufel herbeikommt und es ihnen neidet. Er kann es seiner Missgunst wegen nicht ertragen, dass den Menschen irgendein Nutzen widerfährt. Kurz: wie es auch gehe, stets will der Mäusedreck sich unter den Pfeffer mischen.

Ich bin mir sicher, dass mir diese Arbeit von vielen neidgegönnt sein wird, die sich Meister nennen lassen, sich aber täglich von untauglichem Volk – alten Frauen, Webern und dergleichen – die Arbeit aus der Hand nehmen lassen. Sie müssen hinnehmen, dass sie von solchem Gesindel bloßgestellt und oft den Kranken unversorgt zurücklassen, während andere ihr Werk übernehmen und sie schmählich davonziehen, gleichwohl noch immer Meister genannt sein wollen. Was daraus wird, überlasse ich dem Urteil aller vernünftigen Leute, die sich an der Wahrheit orientieren. Gegen diesen Neid habe ich nichts einzuwenden. Ich habe das Ganze nur unternommen aus Bedauern darüber, dass so viele Verletzte und Kranke schändlich zugrunde gerichtet werden und später kaum jemand ihnen noch helfen kann. Mögen sie doch so lange am Leben erhalten werden, wie Gott es ihnen gewährt, und von solchen Menschenschindern befreit sein.

Hiermit befehle ich mich meinen edlen, vorausschauenden, weisen Herren unter euren edlen Schutz als ein untertäniger, williger Diener in allem, was mir nur möglich ist. Gott weiß, er wolle meine edlen Herren davor bewahren, in Rat und Tat dem allgemeinen Nutzen hinderlich oder feindlich zu sein.

Gegeben zu Delft, den 23. März 1555.

Peter Volck Holst, Chirurg