Text.Alchemica.1600-01.Z3v/TranslationDE
Über die Metallkunde des Nikolaus Soleas. An den Leser.
Nicht war die Welt allein imstande, sämtliche Einzelheiten zu fassen, die das göttliche Wirken bezeugen. Von überall her zeigen sich die Wunder der Welt: Viele liegen verborgen in den gewaltigen Wassern, vieles ist fern im Äther, sehr vieles verbirgt die Erde. Es gibt solche, die es reizt, in die Höhe zu steigen, um dies zu sehen; Soleas hingegen (denn jeder wird von seiner eigenen Neigung gezogen) steigt, nur auf seinen leichten Stab gestützt, in die Tiefe hinab und betrachtet dort die inneren Orte der Erde. Von den Taten der Bergleute beeindruckt, während er ihren Weg beobachtet und den großen Aufwand an Schlägen sieht, durch den sich nach und nach riesige Stollen auftun, sucht er oft diese Bergwerke auf, um die Gaben der Natur zu betrachten.
Es ist erstaunlich, welche Fortschritte er durch seinen Eifer gemacht hat (er hat ja eine gewaltige Reihe wunderbarer Dinge erblickt). Und ebenso erstaunlich ist es, wie viel Nutzen er uns zurückbringt, sobald er wieder ans Tageslicht aufsteigt. Zahlreiche Geheimnisse der Erde waren den Alten nur unzureichend bekannt oder überhaupt nicht und gelten auch in unserer Zeit nicht als vollkommen gesichert. Wer könnte bezweifeln, dass es in der Erde viele Mysterien gibt? (Ich frage hier nur nach ein paar von vielen.) Auf welche Weise ist die Erde mit Metallen schwanger? Wie wird sie befruchtet, damit sie fruchtbar wird? In welcher Matrix empfängt sie den Samen? Welche Kraft birgt der Metallkeim? Welche Erscheinung des Todes offenbart sich im Erz?
Woher rühren Bewegungen? Woher kommt die Ursache ruhiger Stille? Wer war als Erster ihr Urheber, der dies mit schlüssigen Argumenten lehrte? Und wie viele gibt es, die hier oder dort in ihrem eigenen Bereich umherwandern? Schmelzen sie einmal und brauchen dann wieder eine feste Form? Atmen sie und hauchen aus? Strömen sie aus? Flammen sie zuweilen im Licht auf als Metalle? Hat dies jemand mit glücklicherer Feder dargestellt? Allein Soleas vermochte dies mit Recht als Siegeszeichen zu benennen. Den Guten ist das geheime Wissen jenes Meisters im Gehölz nicht verhasst; sie erstreben es nach langem geistigen Ringen. Doch Soleas’ Arbeit hat ihnen allen den ersehnten Kranz entrissen.
Wenn du nicht auf ihn achtest, der das Feuer in seinen wechselnden Vorgängen zu wandeln versteht (denn ein einziges Feuer taugt nicht zugleich für alle Zwecke), wirst du, glaube mir, den besseren Gebrauch des Feuers verpassen. Bedenke auch, dass du, während du sichere Bereiche durch Wasser zu schaffen versuchst, auf eine entgegengesetzte Höhle treffen kannst, die mit einer herabstürzenden Flut schwanger ist. Diesem zu helfen wie eine Hebamme ist eine überaus riskante Tat; wem hat das plötzlich herausgedrängte Gebilde nicht bald danach auf undankbare Weise das Leben genommen? Wenn du jedoch Soleas befragst, bleibst du verschont; denn er bewahrt das Leben mit Zins und Zuwachs.
Wer soll das Übrige berichten, das der Mühe der Weisheit und dem Streben der Metallurgen entspricht? Sie selbst werden es offenbaren. Oh ja, Leser, du kannst auf noch Größeres hoffen, sofern du ein Auge hast, um es zu sehen, und ein Ohr, um es zu hören, und sofern dir der Genius des Soleas bei der Enthüllung dieser Geheimnisse gewogen ist.